Dieses Jahr feiern wir den 25. Jahrestag des Falls der Berliner Mauer. 25 Jahre der grenzenlosen Freiheit, des Zusammenwachsens und des stillen Unverständnisses für das jeweils Andere. Das Fremde und Unbekannte auf der anderen Seite, was so viele Jahrzehnte voneinander getrennt gewesen ist.

Und wieder einmal bin ich zu spät dran; fast einen Monat um genau zu sein.

Als am 9. November 1989 die Mauer fiel war ich acht Jahre alt.

Alt genug eigentlich, um mich an ein derart einschneidendes Erlebnis zu erinnern. Doch egal, wie sehr ich mich auch anstrenge, es kommen einfach keine Bilder zurück an den Tag, den diesen Monat alle Welt gefeiert hat.

Wenn ich meine Eltern frage, wie sie jenen Tag erlebt hatten, als die Welt, wie sie sie kannten, im Begriff war, aufgelöst und abgewickelt zu werden, erhalte ich immer dieselbe Antwort:

Mit einer Mischung aus Unbeholfenheit und Unglauben ein „jeden Tag passierte damals so viel und es ging alles so schnell, dass wir es kaum glauben konnten.“

Ich: „Warum seid ihr damals nicht einfach in unseren kleinen Trabi gestiegen und an den Ort des Geschehens gedüst?“

„Weil wir gerade tapeziert haben.“

Jahrzehntelang habe ich den Pragmatismus meiner Eltern nicht verstanden. Ich dachte, da passiert etwas Einmaliges, Weltbewegendes kaum zwei Stunden von unserer beschaulichen Heimatstadt entfernt und meine Eltern kleistern lieber ihre tristen Wänden weiter.

Die Mauer und die Ketten

Hatten sie kein Interesse an Plastiktüten, Leuchtreklamen, Milka-Schokolade und all den anderen Verheißungen des Westens? Einer Welt, in der alles glänzt, bunt und möglich ist?

Ganz die treuen DDR-Bürger beendeten meine Eltern ihre Arbeit und luden uns Kinder erst ein paar Wochen später in unseren delfingrauen Kombi und fuhren mit uns in einer kilometerlangen Kolonne in Richtung Helmstedt. Trabant reihte sich an Trabant und das Grau der Autos zeichnete sich unmerklich vom grauen Herbstnebel ab.

In Helmstedt angekommen durften mein Bruder und ich uns ein Geschenk mit unserem Begrüßungsgeld aussuchen. Und obwohl ich keinerlei Erinnerungen an den 9. November 1989 besitze, so ist mir bis heute das hilflose Gefühl im Spielzugladen im Gedächtnis geblieben

Alles glitzerte und glänzte. Das Angebot an Spielzeugen stapelte sich zu meterhohen Wänden vor mir auf und ich war erschlagen. So viele Spielsachen hatte ich in meinem ganzen Leben noch nie gesehen und ich schwöre bis heute, dass die Angebotspalette bis ins Unendliche ging und ich kein Ende unter der Decke des Kaufhauses sehen konnte.

Vielleicht schaue ich auch einfach zu viel Fernsehen. So genau weiß ich das nicht mehr.

Unsicher stand ich davor und wusste nicht, ob ich lachen oder weinen sollte. Wie sollte ich mir nur aus so viel Auswahl etwas aussuchen? Eine richtige Entscheidung treffen? Und was waren diese bunten Dinger überhaupt? Was macht man damit?

Irgendwann sprach meine Mutter ein Machtwort, immerhin wollte der Westen nicht nur im Spielwarengeschäft erkundet werden, und ich suchte mir ein kleines lila Pony aus, auf dem eine kleine Puppe saß, mit so goldenem Haar, wie ich es noch nie gesehen hatte. Es fühlte sich toll an. Synthetisch, glänzend und kunterbunt.

Das Pony habe ich bis heute. Damals ahnte ich noch nicht, dass ich meinen ersten Schritt in die Verführungen des Kapitalismus gewagt hatte.

Wir liefen an überquellenden Kaufhäusern vorbei, bewunderten die farbigen Auslagen und verstanden die Menschen nicht um uns herum. Sie sprachen unsere Sprache und lebten nur rund hundert Kilometer von unserer Heimtatstadt entfernt und erschienen doch wie Menschen eines anderen Planeten. Sie schenkten uns Kindern Süßigkeiten und Bananen und fragten, ob wir glücklich seien, endlich frei zu sein.

Ich verstand die Frage als Kind nicht. Warum sollte ich jetzt glücklicher sein? Ich war es doch auch vor dem Fall der Mauer schon.

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In meiner Familie herrschte lange Zeit eine große Sprachlosigkeit über diese verwirrenden Jahre. Meine Eltern hatten nie gelernt zu sagen, was sie denken, fühlen und wovor sie Angst hatten. Sie mussten lernen, wie man eine Kreditkarte benutzt, das man ein Auto nicht bar bezahlt und das das Leben in diesem neuen Land Opportunisten bevorzugt.

Sie mussten sich mit Arbeitslosigkeit, blühenden Landschaften und Freiheiten auseinander setzen, auf die sie niemand vorbereitet hatte. Und dann kamen ihre Kinder auch noch in die Pubertät und hinterfragten alles.

Schnell mussten sie sich an das Spiel der neuen Mächte gewöhnen und lernen, was Demokratie bedeutet.

Ich stelle es mir schwierig vor, wenn eine Welt, die du kanntest und in dessen Blase du dich sicher und geborgen gefühlt hast, plötzlich wegbricht und „die anderen“, auf der anderen Seite der Mauer, dir plötzlich erklären, dass das woran du die letzten dreißig Jahre geglaubt hast nicht mehr stimmt.

Es hat viele Jahre gedauert, bis ich meine Eltern verstanden habe. Sie waren schlichtweg überfordert. Niemand hat sie behutsam an die Veränderungen herangeführt sondern sie mussten sich als Erwachsene mitten im Leben noch einmal neu erfinden.

Und das ist eine Leistung, die mich stolz macht auf meine Eltern. Sie haben Wände eingerissen und sich an ein neues Leben angepasst.

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